«Ein Thema bewirtschaften» gehört zu den beliebtesten Vorwürfen, welche sich Politiker gegenseitg an den Kopf werfen, wenn die Gegenseite vermeintlich nur rumlabert ohne Lösungen vorzubringen. Aber auch die Medien bemühen diesen Begriff gerne, wenn sie mal wieder alles besser zu wissen meinen und Haltungsjournalismus betreiben wollen.
Dabei kann man den Medien diese Bewirtschafterei von Themen ebenso vorwerfen. Da dies aber eher eine Methode des Boulevards ist, war mir das bislang kein Kommentar oder eine gedankliche Auseinandersetzung wert. Die Tragödie in Cran-Montana in der Silversternacht jedoch macht nun offenkundig, dass auch seriöse Medienprodukte so ein Thema endlos bewirtschaften.
Was heisst «bewirtschaften»?
Dass Medien über das Ereignis im Wallis berichten, steht selbstverständlich ausser Diskussion. Und ebenso klar ist, dass es mehr als nur einen Beitrag braucht. Üblicherweise dann, wenn es etwas neues zu berichten gibt, wenn neue Erkenntnisse vorliegen. Also beispielsweise nach einer Pressekonferenz. Oder auch, wenn Recherchen von Journalisten selbst Neuigkeiten hervorbrachten – wobei wir uns hier bereits in einem Grenzbereich befinden.
Im Fall des Brandereignisses in Crans-Montana erweckt sich mir der Eindruck, dass beinahe jeder einzelne Redaktionsmitarbeiter jeder einzelnen Redaktion in der Schweiz irgend etwas zu diesem Thema zu publizieren scheint. Und damit sind wir beim Bewirtschaften. Offenbar geht man auch in dem Qualitätsjournalismus verpflichteten Medienhäusern wie einer NZZ oder der SRG davon aus, den aktuellen heissen Scheiss so lange auszupressen, bis wirklich kein Saft mehr fliesst. Alle paar Stunden muss ein neuer Beitrag raus. Da es aber nicht alle paar Stunden wirklich Neues zu berichten gibt, werden halt Neuigkeiten herangezüchtet oder verzweifelt irgend eine Relevanz konstruiert.
Das ist jedoch nur meine persönliche Gefühlslage, das ist kein statistisch erhobener Wert. Zudem folge ich auf Social Media lediglich der NZZ und der SRG. Abschaumpostillen wie den Blick ignoriere ich aus Prinzip und Boulevard wie 20min oder Watson sowie auch anderes wird mir jeweils nur per Zufall in die Timeline gespült.
Um das zu veranschaulichen, habe ich hier mal aufgelistet, was aus meiner Sicht den ganzen Tag alles an nutzlosem Blödsinn zu der Katastrophe in Crans-Montana publiziert wird. Die Liste ist grob nach Publikationsdatum sortiert (neu->alt), aber weder vollständig noch repräsentativ oder sonst was.
07.01.2026 – NZZ – Interview mit Peter Bodenmann
Warum? Weil er Hotelier ist? Weil er Hotelier im Wallis ist? Und warum nicht Pirmin Zurbriggen? Der ist auch Hotelier. Auch im Wallis. Und sogar noch etwas berühmter als Bodenmann. Aber wie Bodenmann könnte auch Zurgriggen nichts substantielles zum Thema beitragen. Trotzdem befragt man den Mann.
07.01.2026 – SRF – «Einsamkeit in Kombination mit Trauer ist verheerend»
Ein Artikel übers Trauern. Mit wichtigen Information von Trauer-Fachleuten. Was würden wir bloss machen, wenn man uns nicht erklärt, wie man trauert. Von A-Z sinnlos. Aber es wurden viele Zeilen Text geschrieben, die man grad richtig vertaggt reichweitenstark ausspielen kann.
07.01.2026 – SRF – Anwalt fordert Soforthilfe von mindestens einer Million
Typisch. Irgend ein Anwalt, zum Glück fand sich einer mit Katastrophen-Erfarhung, fordert mindestens irgendetwas. Aber aus journalistischer Sicht hat man einen Experten befragt. Was er hier sagt, trägt nichts bei. Nichts. Die Frage ist: Hat sich Christa Gall den Mann ausgesucht (und weshalb) oder meldete sich Rolf Steinegger bei der Redaktion und wollte sich aufspielen?
06.01.2026 – SRF – «Grosses Ereignis, alle in Panik – das ist etwas für den Film»
Man fasst es kaum. Aber hier erklärt man dem Leser, wie die Menschen in Panik geraten oder eben nicht. Das ganze, immer wichtig, mit fachkundiger Expertise untermauert. Sinn und Zweck der Information: nicht zu erkennen.
05.01.2026 – SRF – Barbetreiber wollte «Le Constellation» noch vergrössern
Ein Artikel darüber, dass grad aktuell noch ein Baugesuch für eine Vergrösserung des Lokals eingericht wurde. Warum? Was hat dieses Baugesuch mit dem Unglück zu tun? Ja, man sieht in den Unterlagen frühere Plände und erkennt, dass es da bautechnisches gab, dass so nicht hätte sein dürfen. Das spielt im gesamten Artikel aber nur eine Nebenrolle.
04.01.2026 – SRF – Beatrice Pilloud steht unter Druck – ein Porträt
Wer ist die Frage, die wir vorher nie sahen, jetzt kurz zu Gesicht bekommen, und nachher nie mehr sehen werden? Niemand will es wissen, aber SRF liefert die Antwort.
03.01.2026 – NZZ – Billige Schaumstoffmatten
Es rennt ein Redaktuer einfach mal ein einen x-beliebigen Baumarkt, kauft irgend etwas ein und zündet es an, um danach zu klugscheissen. Es gibt übrigens auch noch viele andere brennbare Materialien in so einer Bar. Angefangen von der Kleidung, die (hoffentlich) jeder einzelne Mensch da drin trägt. Muss überall stehen: «vorsicht, brennbar»? Ein dummdreister Artikel in seiner kompletten Gesamtheit.
02.01.2026 – SRF – Wie Junge um die Opfer trauern
Das ist Blick-Niveau, vom Titel bis zum Inhalt. Fremden Menschen in so einer Situation zuzuschauen, sie auszufragen. Und es sind Null-News, die lediglich die Neugier stillen, die jedoch gar nicht geweckt worden wäre, hätte SRF nicht darüber geschrieben. Niemand hat sich gefragt: Oh, wie trauern ächt die Jungen? Niemand.
02.01.2026 – NZZ – Ein Brand in der Silvesternacht in einem Partylokal
Bis heute bleibt mir unerklärlich, weshalb bei solchen Ereignissen immer so ein Lappi ins Archiv steigt und nach einem ähnlichen Ereignis irgendwo auf der Welt sucht. Was hilft das? Wen interessiert das? Wen wollen sie damit beeindrucken, schädigen, warnen oder verängstigen?
02.01.2026 – SRF – Diese Ereignisse erschütterten die Schweiz
Selbstverständlich gibts den Lappi auch am Leutschenbach. Wobei dieser Lappi eine Lappeuse ist. Aber dieses Vorgehen scheint System zu haben. Lernen die das an der Tippmichi-Schule so? Dass sofort eine Katastrophen-Liste erstellt werden muss? Nutzen, Sinn und Zweck für den Leser oder die Zuschauerin: Nicht erkennbar.
02.01.2026 – NZZ – Der Ort der grossen Tragödie
Auch wichtig. Ah, Crans-Montana … da war schon länger nichts mehr. Wissen die Menschen überhaupt, wo Crans-Montana liegt, was Crans-Montana ist, wie lange Crans-Montana ist, wie es ist … da muss sofort ein Portrait her.
01.01.2026 – NZZ – Der Busunfall von Siders, das Attentat von Zug, die Mattmark-Katastrophe
… aaand again. Dieses Mal scheint es sich aber um eine fortlaufende Liste von aus Sicht der Redaktion wichtigen Ereignissen mit Todesfolge. Auch hier die Frage: Wem nützen Auflistungen von Katastrophen der vergangenen Jahre? Themenbewirtschaftung noch am Tag des Ereignisses.
01.01.2026 – SRF – Zwischen Erstarren-Wollen und Weitermachen-Müssen
Der Artikel ist so dermassen sinnlos, dass mir noch nicht einmal ein Kommentar dazu einfällt.
Wenn das nun jemand kleinkartiert findet, dann kann ich das gut verstehen. Es ist ja wirklich meine persönliche und subjektive Meinung, ob ein Artikel sinnvoll oder sinnlos ist. Die Frage bleibt aber trotzdem: Ist diese Art Journalismus das, was wir unter Qualitätsjournalismus zu verstehen haben? Ist das die Zukunft?
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